Anwaltschaft - Einstehen für die Opfer
Kann die DEZA Nahrungsmittelhilfe für ein diktatorisch regiertes Land erbringen? Kann die Humanitäre Hilfe Wasserleitungen bauen und den in der gleichen Region stattfindenden Genozid
verschweigen? Auf solche und ähnliche Fragen versuchen die Advocacy-Guidelines der DEZA Antworten und Vorgehensweisen anzubieten.
Industrienationen liefern Überschuss-Getreide an die ärmsten Ländern Afrikas. Dass damit einer gezielten Entwicklungszusammenarbeit der Riegel geschoben werden kann, ist wenig bekannt. Wie soll sich in einem solchen Fall die humanitäre Hilfe des Bundes verhalten? Die humanitäre Tradition verlangt, dass sie aktiv auf den Misstand hinweist und die Bedürfnisse der Opfer in den Vordergrund stellt.
Was versteht die DEZA unter Anwaltschaft?
In der Entwicklungszusammenarbeit spricht man von Advocacy, wenn sich eine Entwicklungsagentur - beispielsweise die DEZA, Nichtregierungsorganisationen oder Interessensgruppen - anwaltschaftlich für
eine Sache einsetzen. Im Vordergrund stehen dabei die Bedürfnisse und Anliegen von benachteiligten und marginalisierten Ländern, Bevölkerungen oder Bevölkerungsgruppen. Dies kann ebenso für
Menschenrechte und humanitäre Grundsätze, für Flüchtlinge, gegen Kinderhandel, für Fair Trade wie auch für die Formulierung von Politiken sein.
Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen, Konflikten oder Naturkatastrophen stellt sich die Humanitäre Hilfe des Bundes auf die Seite der Opfer. Anwaltschaft bedeutet, dass die Unterstützung unabhängig von politischen Interessen geschieht und dass die helfende Organisation immer Partei für die Armen und Ausgegrenzten ergreift.
Advocacy will die Wahrnehmung schärfen, die humanitäre Hilfe verbessern, sich für den Respekt der humanitären Prinzipien stark machen, auf internationales Recht hinweisen und thematische Fragen erörtern.
Grundsatzfragen
Der Einsatz im Raum anderer Kulturen bringt Begegnungen und Konfrontationen mit Verhaltensmustern, die aus humanitärer Sicht untolerierbar sind. Wie weit soll die kulturelle Rücksichtnahme gehen, wo
werden diese unsichtbaren Grenzen überschritten? Und schliesslich: wie sollen die Programmverantwortlichen vor Ort oder in der Zentrale mit solchen Widersprüchen umgehen, in welchen Fällen sollen sie
Ihre Stimme erheben und wie sollen sie dabei vorgehen?
Grundlagen und Leitlinien
Da diese Fragen die humanitäre Arbeit ununterbrochen überschneiden, hat der Bereich Humanitäre Hilfe der DEZA Grundlagen und Leitlinien erarbeitet. Die Advocacy Guidelines nennen
bisher fünf prioritäre Themen, bei denen die humanitäre Hilfe ihre anwaltschaftlichen Prinzipien anwenden will:
- Schlepperwesen (Trafficking)
- Gewalt gegen Frauen und Kinder
- Sexueller Missbrauch von Frauen
- Menschen in vergessenen Kriegs- und Krisen-Situationen
- Schutz von besonders verwundbaren Gruppen
Advocacy ist indes nicht ausschliesslich ein Thema der humanitären Hilfe oder des Engagements der Aussenpolitik. Das zeigt etwa das Beispiel der Demokratischen Republik Kongo: Wegen dem Reichtum an Bodenschätzen wurde der Osten des Landes von wechselnden internationalen und nationalen Armeen und Milizen mit Krieg überzogen. Unter Beteiligung vieler ausländischer – auch schweizerischer – Firmen wurden die Bodenschätze geplündert. Die Bevölkerung wurde Opfer von Gräueltaten grössten Ausmasses; humanitäre Hilfe wurde weitgehend verunmöglicht, und die humanitären Helfer waren ihres Lebens nicht mehr sicher.
In der Schweiz regte die Humanitäre Hilfe der DEZA dazu an, den wachsenden Widerspruch zu thematisieren und stärker Partei für die Opfer zu ergreifen. Durch humanitäre Hilfe allein können komplexe Probleme nicht gelöst werden. Es braucht dafür ein gemeinsames Engagement aller Akteure: neben den humanitären sind auch die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Verantwortungsträger aufgefordert, sich für ethisches Verhalten einzusetzen.
Die Advocacy-Guidelines verstehen sich auch als Anstoss zu einer dringend fälligen Debatte, die im ganzen internationalen Raum an Bedeutung gewinnt (UN-Vorstösse). Diese erste Arbeitsgrundlage bedarf des fortgesetzten Ausbaus, insbesondere was die Handlungsfelder und die internationale Vernetzung betrifft.
Weiterführende Informationen und Dokumente
- Humanitarian Aid - Advocacy guidelines
Strengthening the responsibility and obligation towards the victims
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