21.02.2003 - Artikel
Morgen muss ich zum Arzt...
...danach die Tochter in die Geigenstunde bringen und wieder holen, auch muss ich Brot, Käse und
Aufschnitt zum Abendessen einkaufen, weil die Frau jeden Dienstagabend in der Berufsschule sich weiterbildet. Tätigkeiten halt, die selbstverständlich sind - für uns in der Schweiz: Essen, Kultur,
Gesundheitsdienst und Bildung. Nicht so in weiten Teilen der Welt. Das Konzept der menschlichen Sicherheit nimmt in internationalen Entwicklungsdiskussionen immer mehr Raum ein. Es beinhaltet nicht
nur staatlich gesichertes Alltagsleben mit allgegenwärtigen Polizisten und einer hochgerüsteten Armee, die einen friedlichen Alltag sichern. Menschliche Sicherheit beinhaltet auch die
Grundbedürfnisse, welche gedeckt sein müssen, damit ein Mensch oder eine Gesellschaft sich entwickeln können.
Gemäss einer repräsentativen Umfrage fühlen sich die Schweizerinnen und Schweizer sicher. Dies obwohl es politische Stimmen gibt, die der Bevölkerung etwas anderes glauben machen wollen. Zur Zeit
sind es vor allem junge Asylbewerber aus Westafrika, die verantwortlich dafür gemacht werden, dass unsere Töchter und Frauen nicht mehr sicher sind. In meiner Kindheit waren es die Italiener, später
die Jugoslawen, dann die Tamilen, anschliessend die Kosova-Albaner und nun die Schwarzafrikaner. Das Fremde macht Angst und eignet sich ideal für Projektionen beliebiger Art. Dass es Probleme gibt
mit einigen Asylbewerbern, egal aus welcher Weltecke sie kommen, ist eine Tatsache. Vorab junge Männer wagen die Reise in den gelobten Norden, wo Arbeit, Geld, Krankenpflege, Ausbildung warten, die
menschliche Sicherheit gewährleistet ist. Hier angekommen, sind sie meist zum Nichtstun verurteilt, ein Nährboden, der es mit sich bringt, dass sie versuchen, sich in illegalen Bereichen ihr Geld zu
verdienen. Wenn in dieser Situation verschiedene politische Stimmen fordern, diejenigen Staaten mit dem Stopp von Entwicklungszusammenarbeit zu bestrafen, welche die hier unerwünschten Asylbewerber
nicht zurücknehmen, so hiesse dies «das Pferd am Schwanz aufzäumen» wie es kürzlich DEZA-Direktor Walter Fust mit folgender Argumentation beschrieb: «Wenn überhaupt die Migration eingedämmt werden
kann, dann nur durch internationale Zusammenarbeit.»
Die DEZA hat «Sicherheit durch Entwicklung» als Jahresthema 2003 gewählt. Es ist auch das Thema unseres Dossiers (ab Seite 6). Dass zur Entwicklung auch Kultur gehört, zeigen die wandernden Kinos,
welche in Afghanistan kurz nach Ablösung des Taliban-Regimes auf Achse und in die Dörfer gingen. Lesen Sie, welche Reaktionen die laufenden Bilder auslösten (ab Seite 30), und planen Sie Ihren
nächsten Tag im Wissen darum, dass viele Menschen solche Pläne nicht machen können, weil sie keinen Zugang zu den für uns selbstverständlichen Dienstleistungen haben.
Harry Sivec
Chef Medien und Kommunikation DEZA