Bundesverwaltung admin.ch
Departement für auswärtige Angelegenheiten
Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA
DEZA – weltweit vor Ort

Besuchen Sie die Websites der Schweizer Kooperationsbüros.

Schweiz
Schweiz 
Suchen in:
Übersicht Dossier: Fussball-WM 2006

3. Juli 2006
Über Brauereipferde, Fussball und Weiblichkeit

Zwar dürfen Frauen und Mädchen das runde Leder in unseren Breitengraden treten. Trotzdem: König Fussball und die Weiblichkeit lassen sich nur zögerlich aufeinander ein.

von Marianne Meier

Grüne Bildschirme flimmern in jeder Gaststube, Fahnen aus aller Welt zieren Autos, Balkongeländer und Schaufenster. Ja, die Schweiz befindet sich fest in der Hand von König Fussball. Neben dem traditionellerweise männlichen Publikum finden sich mehr und mehr Frauen und Mädchen vor den Grossleinwänden, bei «Panini»-Tauschbörsen und in Stadien.

south_korea.jpg

Wachsendes Interesse am Fussball: Weibliche Fans feiern den Sieg des südkoreanischen Nationalteams über Togo.

Aber während die weibliche Begeisterung am Spielfeldrand salonfähig wird, schlagen sich Protagonistinnen auf dem Rasen immer noch mit Widerständen und Vorurteilen herum. Ganz im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen entsprechen Fussballerinnen dem gesellschaftlich verankerten Schönheitsideal nicht. Diese Feststellung hängt selbstverständlich weniger mit der anatomischen Wirklichkeit zusammen als mit der als unvereinbar empfundenen Verknüpfung von Weiblichkeit und Fussball in unserer Alltagswelt.

Der deutsche Meistertrainer Otto Rehagel, seit der Europameisterschaft 2004 in Portugal der neue Gott am griechischen Fussballhimmel, brachte es im Jahr 1990 gegenüber dem Sonntagsblick unverhohlen auf den Punkt: «Frauen sind grazile Wesen. Kunstturnerinnen finde ich schön. Aber Mädchen, die wie Brauereipferde auf Fussballfeldern rumstapfen – da hört doch alles auf!»


Definitionen von Weiblichkeit und Männlichkeit wandeln sich laufend


story8_1.jpg

Kämpferisch, ehrgeizig, selbstbewusst: Sportlerinnen stellen traditionelle Geschlechterattribute immer wieder in Frage.

Während sich solche eher hemdsärmligen Stammtischsprüche in den 1970er Jahren problemlos abdrucken liessen, so stellt Rehagels Aussage bereits 1990 eine Rarität dar. Das Fehlen vergleichbarer Zitate von Persönlichkeiten in öffentlichen Presseerzeugnissen in den letzten zehn Jahren deutet auf einen allmählichen Mentalitätswandel hin.

Die Definition dessen, was in unserer Zivilisation als weiblich oder männlich gilt, war früher anders als heute und wird sich morgen wieder ändern. Neben diesem zeitlichen Aspekt wird das Verständnis von Maskulinität und Femininität insbesondere auch durch den jeweiligen soziokulturellen Kontext bestimmt. So gelten beispielsweise Fussball in den USA und Basketball in Senegal als «typische» Frauensportarten, während dort wohlgemerkt andere Disziplinen ausschliessliche Männerdomänen darstellen.

Auch im 21. Jahrhundert ist der Widerspruch zwischen dem «Frau-sein» und dem «Sportlerin-sein» insbesondere in traditionell patriarchalischen Gesellschaften noch vorhanden. Weiblichkeitsattribute werden immer noch primär über Schlagworte wie Zurückhaltung, Eleganz, Passivität und Schwäche definiert, während eine Sportlerin – und eben auch eine Fussballerin – ein kämpferisches, aktives, ehrgeiziges und selbstbewusstes Engagement an den Tag legen muss, um erfolgreich zu sein.


Empowerment von Mädchen und Frauen durch Sport

Genau im Aufbrechen dieser rigiden Gesellschaftsstrukturen liegt das Potential des männlich konnotierten Sports in Bezug auf Geschlechterrollen. Wenn Frauen und Mädchen öffentlichen Platz beanspruchen, selbstbewusst, laut und ambitiös sind, sich physisch durchsetzen, verlieren und gewinnen können, kann sich auch ihre Selbstkonzeption verändern. Neben der individuellen Bereicherung öffnen sich auch für das soziale Umfeld der sportlich aktiven Frauen und Mädchen neue Horizonte: Es muss Raum gewähren, Freizeit zugestehen, organisatorische Eigenständigkeit fördern, Spass erlauben, Fortschritte mittragen und Infrastruktur zur Verfügung stellen. Um die Schranken überschreitenden Mädchen und Frauen nicht zu gefährden, müssen Sportarten entsprechend den soziokulturellen Gegebenheiten sorgfältig ausgewählt, graduell eingeführt und die Gemeinschaft dafür sensibilisiert werden.

Diese Zusammenhänge von Sport und Gender werden auch zunehmend als Mittel im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit erkannt und in Programme und Projekte integriert. Empowerment kann wohl kaum in einem anderen Bereich so wortwörtlich genommen werden wie im und durch den Sport.

Seien es die ersten Radfahrerinnen, Studentinnen, Soldatinnen oder eben die ersten Fussballerinnen – sie alle haben im Verlauf des 20. Jahrhunderts neue Territorien erschlossen. Die leidenschaftliche Selbstverständlichkeit, mit welcher die heranwachsende Mädchengeneration das runde Leder kickt, wird die Vorbehalte gegen den Frauenfussball in zwanzig Jahren ebenso antiquiert anmuten lassen, wie uns heute das in de Schweiz so spät zugestandene Frauenstimmrecht erscheint.





einwurf_1.jpg
32 Teams kämpfen vom 9. Juni bis zum 9. Juli in Deutschland um den Weltmeistertitel, unter ihnen auch die Schweiz und mehrere Partnerländer der schweizerischen Entwicklungs-
zusammenarbeit. Anlass für uns, um in loser Folge über Wissenswertes, Hintergründiges, Kurioses und Überraschendes jenseits des medialen Flutlichts zu berichten.

Alle Beiträge


Zur Autorin
 meier.jpg

Marianne Meier, lic. phil., studierte Geschichte und Politikwissenschaften in Freiburg, Siena und North Carolina. Sie ist Autorin des Buches «’Zarte Füsschen am harten Leder’…Frauenfussball in der Schweiz 1970-1999» (Huber-Verlag, Frauenfeld 2004), für das sie den Preis für Frauen- und Genderforschung der Universität Freiburg erhielt. Zurzeit ist sie Projektleiterin und Forscherin bei der Swiss Academy for Development in Biel und beschäftigt sich mit Themen rund um Sport, Gender und Entwicklung. In ihrer Freizeit spielt sie seit vielen Jahren Fussball.

Weiterführende Informationen und Dokumente